Mountain Attack 2017

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Mountain Attack!

Den Winter sollte es mal wieder ein wenig Wettkampfluft mit Skiern zu schnuppern geben und da das kultige 12-Stunden Heimrennen am Hohenbogen, der HOBOpur, nur noch alle zwei Jahre stattfindet, bot sich für dieses Jahr eine Wintervorbereitung an.

Auf der Wunschliste stand schon lange die Mountainattack in Saalbach, ein Event, das ich in den sozialen Medien einige Jahre verfolge und den auch schon ein paar bekannte Gesichter aus dem Bayerwald bestritten haben.
Das Spektakel Startet direkt im Dorf und führt auf und nieder, um die Hausberge, um nach einer Schleife mit 3000hm wieder direkt in Saalbach zu enden.
Wenn man Videos vom Start, Zieleinlauf und den anfeuernden Menschenmassen sieht, muss man da einfach dabei sein und als ambitionierter Höhenmeterjunkie ist das ja quasi die Rennstrecke schlechthin, um über Jahre seine Zeit zu verbessern.

Nach einer mangels Schnee, etwas verspäteten Vorbereitung, welche aber dank abendlichen Stirnlampeneinsätzen unter widrigsten Bedingungen dennoch einige Höhenmeter zu Tage förderte, galt es also am Freitag den 13., ja richtig gelesen, den Weg nach Saalbach anzutreten um einem Teil der europäischen Elite im Skibergsteigen in die Augen zu Blicken und die Rückseite der ausgezehrten Recken dann Sekunden nach dem Start nur noch am Horizont entschwinden zu sehen.

Da der Start zuvorkommender Weise erst um 16 Uhr stattfindet, kann ich also ausschlafen und nach ausgiebigem Frühstück die Reise über meine geliebte blaue Route nach Saalbach antreten. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr ich mittlerweile dieses geradezu abscheuliche Stück Landstraße hasse, welches ich durch etliche Einsätze am Kitzsteinhorn und für Besuche meines Ausrüstungsdealers des Vertrauens, wie meine Westentasche kenne.
Aber hilft ja nix, die vier Stunden vergehen also wie immer wie im Flug und so stehe ich pünktlich um 13:30 Uhr mitten in Saalbach an der Startnummernausgabe und nehme die 189 in Empfang.
Ich fühle mich ob des ganzen, mit Matsche überzogenem Kopfsteinpflasters gleich heimisch und bewundere die mit Sponsoren beklebten Straßen und Gassen.
Aus Lautsprechern tönt bereits Partymusik und ein Moderator stimmt Zuschauer und die bereits im Aufwärmemodus befindlichen Frühstarter auf Das, was da noch folgen möge ein.

Da als Sportler Kohlehydrate ja bekanntlich nur durch eines ersetzbar sind – noch mehr Kohlehydrate – begebe ich mich mit meinem Starterpäckchen also schnurstraxs zur Mehrzweckhalle, wo für Sportler und andere Hungernden eine Pastaparty stattfindet.
Als erste Amtshandlung einen standesgemäßen Pappteller mit Rigatoni-Bollo inhalieren und mit einem alkoholfreien Weizen runter spülen.
Die Stimmung ist gut und man kommt gleich mit anderen Leidensgenossen ins Gespräch. Dabei stellt sich heraus, dass ich den Tisch zweier Regensburger getroffen habe, welche auf der Tour-Distanz mit 2000hm nun zum zweiten Mal ihr Glück versuchen.
Nach einem lustigen Plausch und noch einem Weizen geht es für mich zurück zum Auto, welches passend zum ersten Anstieg, im Schattberg-Parkhaus steht und von oben bis unten mit Klamotten und Ausrüstung zugemüllt ist.
Ich wühle mich also durch meine Habseeligkeiten und schmeiße mich in mein eng anliegenstes Dress, um auch dem letzten Zweifler deutlich zu machen, wie ernst mir die Sache ist.
Als ich 30 Minuten vor Start endlich alle Klamotten an habe, kommt nun „Hightech“ zum Einsatz. Da meine alten Tourenschi und Schuhe nach zwei Jahren ziemlich ausgenudelt waren, habe ich mir diesen Winter extrem unbequeme Kohlefasertreter und neue Schi gegönnt, welche dummerweise nur zum jeweiligen Gegenüber passen, da die Sohlenlängen unterschiedlich sind.
Auf schmerzende Zehen eingestellt, greife ich also zum neuen Material – Mann muss schließlich zeigen was man hat – und stelle, nachdem ich mich in die Treter gequält habe mit entsetzen fest, dass die neue Bindung keine Harscheisen – Aufnahme montiert hat.
Für die nicht so im Tourenschisport bewanderten Leser: Harscheisen sind quasi die Steigeisen für Schi, wenn es zu steil oder einfach zu eisig ist um nur mit Fellen sicher aufzusteigen.
Da mir ein Dreigestirn vom Intersport Patrik und auch die beiden Regensburger versichert haben, dass der erste Teil vom Schattberg quasi unbezwingbar sei, ohne dieses kleine Stück Metall, stehe ich nun 20 Minuten vor Start im Parkhaus und überlege nun nochmal die gesamte Ausrüstung zu wechseln, da ja wie bereits erwähnt, die neuen Schuhe nicht in die alten Schi passen.
Nachdem ich mir nochmals paralysierte 5 Minuten gegönnt habe, bei denen ich fassungslos den Kofferraum angestiert habe, beschließe ich nach dem Motto „Scheiß da nix, dann feid da nix“ loszuziehen und auf griffigen Neuschnee zu hoffen.

Im Laufschritt geht’s also wieder zur Dorfmitte, wo bereits hunderte mit Helmen, Stirnlampen und Rennanzügen bestückte Athleten warten und in einer Gasse aufgetürmt, auf den Start der Tour- und Marathondistanz warten. Dank meines grandiosen Zeitmanagements darf ich mich also ganz hinten einordnen und nochmal hastig die klammen Finger aufwärmen, bevor der „Almauftreib“ beginnt.
Ich höre nur noch langsames Runterzählen und dann stürmt die gesamte Meute mit Schi und Stöcken in der Hand los und rennt wie vom Affen gebissen, mit Schischuhen durch die mit Schneematsch überzogenen engen Gassen, Richtung Schattberg.
Bis der Ziehharmonika-Effekt bei mir ankommt, habe ich dank meine Körpergröße etwas Zeit, mir das Schauspiel anzusehen um wenige Augenblicke selbst die Reise durch das Zuschauerspalier anzutreten und den ersten Anstieg in Angriff zu nehmen.

Am Fuße des Schattberg angekommen muss ich wohl nicht erwähnen, wie geordnet es zugeht, wenn auf zehn Meter Breite, 800 Menschen versuchen sich die Schi anzuschnallen.
Nachdem ich gedanklich einige übermotivierte Zeitgenossen auf bestialische Weise ermordet habe, gehe ich voller Ehrfurcht den ersten, besagt steilen Teil an und versuche mit neuen Fellen maximalen Grip aufzubauen.

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Dies geht erstaunlich gut, bis ich nach ca. 200 Höhenmeter an die Grenzen der Haftreibung stoße und mich die Hangabtriebskraft unweigerlich retour zu schicken droht.
Ich beschließe also links in das unpräparierte Gelände auszuweichen und etwas Umweg in Kauf zu nehmen, um nach der Hälfte des Schattberg hoffentlich besseren Grip zu haben.
Da ich nicht einen Meter der Strecke kenne, ist das Paceing ziemlich schwierig. Ich will auf keinen Fall schon am ersten Berg blau durch die Pampa marschieren, jedoch muss ich dank meiner Startaufstellung auch erst einmal an den weniger ambitionierten Athleten vorbei, um das von mir ins Auge gefasste Ziel sub 3:30h irgendwie zu meistern.
Nach der Mittelstation wird es tatsächlich weniger steil und ich überhole stetig und fühle mich Meter für Meter besser. Der Motor kommt langsam auf Touren und nach gut 50 Minuten ist der Schattberggipfel in Sichtweite.
Das Wetter wird hier oben bereits sehr ungemütlich, die Sturmwarnungen waren berechtigt und so geht es im beginnenden Schneetreiben mit Sturmböen, im Strampelanzug bekleidet durch das erste Spalier am Schattberg.

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Wahnsinn, wie viele Zuschauer und Betreuer hier oben bei widrigsten Bedingungen ausharren und den Athleten Applaus spenden und gut zureden.
Das Bad in der Zuschauermenge tut gut und lenkt vom Schmerz ab den ich mir gönne, als ich mir einen gereichten Trinkbecher schnappe und exe. Dass darin heißer Tee war, habe ich erst gemerkt, als es schon zu spät war.
Nach einer kleinen Schmerzsekunde geht es auf die erste kleine „Fellabfahrt“ und die fehlenden gut 100 Höhenmeter zum Schattberg-Westgipfel.
Es wird zwar immer kälter im Rennanzug, dennoch halte ich gut durch und fühle mich wohl. Die folgende Abfahrt nach Hinterglemm kann ich allerdings wenig genießen.
Die Brille ist trotz parken auf dem Helm angelaufen und das stärker werdende Schneetreiben macht den Abfahrtsspaß zum Blindflug.
Was hier manche Teilnehmer hinlegen ist für mich nicht von dieser Welt. Ich halte mich eigentlich echt für einen versierten Skifahrer, jedoch mit dem etwas instabilen Rennequipment ist eine Abfahrt auf unpräparierter Piste ohne Sicht schon fordernd.
Ich büße Platz um Platz wieder ein und merke wie meine Oberschenkel ziemlich verkrampfen und nur noch den nächsten Anstieg herbeisehnen – irgendwie kommt mir das vom Frühjahr und Herbst bekannt vor.

In Hinterglemm angekommen geht es schnell durch die Wechselzone, um mit klammen Fingern und einem erleichterten Gesichtsausdruck die Felle wieder aufzuziehen und den Marsch Richtung Zwölferkogel anzutreten.
Das sind knappe 1000 Höhenmeter am Stück mit einem ziemlich Steilen letzten Drittel und genau das was ich jetzt brauche. Meine Finger werden langsam wieder warm und ich versuche ab der Hälfte meine Weste und die darin verstaute Verpflegung aus dem Rucksack zu zaubern, ohne stehen zu bleiben.
Ich schaffe es tatsächlich und drücke mir erst mal zwei Fruchtbrei in den Mund und versuche den mit etwas Wasser runter zu spülen. Leider ist meine Trinkflasche eingefroren und ich versuche verzweifelt mit verklebtem Mund den Verschluss frei zubeißen. Ein paar kleine Schluck kann ich der Flasche entlocken, bevor es mir zu blöd wird und ich wieder etwas Gas gebe.
Im Aufstieg habe ich schnell wieder zu den Abfahrtskünstlern aufgeschlossen und kann wieder Plätze gut machen. Auf dem letzten Teilstück wird es noch einmal richtig steil und oben drein ist der vorgesehene Anstiegsweg wohl eine Art Buckelpiste. Ich mache es also einigen meiner Vorgänger gleich und schnalle die Ski ab um die steilsten ca. 100 Höhenmeter zu Fuß, mit Schi und Stöcken in der Hand, zu bewältigen.
Danach heißt es nochmal Schi an und die letzten Meter im moderat steilen Gelände zum Zwölferkogel aufsteigen.
Ein weiteres Zuschauerspalier und die Erkenntnis, dass der Wind mittlerweile abartig geworden ist und die Felle beim runterreissen sofort in die waagerechte gehen.

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Alles schnell in den Anzug verpackt, Weste zu und noch schnell zwei Becher Tee-ähnliches Getränk vorsichtig in kleinen Schlückchen trinken, bevor es auf die nächste Abfahrt mit etwa 1000 negativen Höhenmetern geht.
Diese Abfahrt geht irgendwie besser weg und so überholt mich trotz beschissener Sicht nur ein Teilnehmer, welcher im folgenden Anstieg gleich wieder auf die Plätze verwiesen wird.
Meine Finger spüre ich mittlerweile kein bisschen mehr und so wird das anschließende Anfellen ein echter Spaß. Ich versuche meine Hände an einem gereichten Becher Tee etwas aufzuwärmen und mit ausladenden Ruderbewegungen wieder etwas warmes Blut in die Fingerspitzen zu befördern – mit mäßigem Erfolg.
Also irgendwie noch den Knoten am Fell in die Ritze der Schispitze manövriert und schon geht es auf die letzten 1000 Höhenmeter der Strecke.
Bisher ist die Zeit echt wie im Flug vergangen und ich fühle mich topfit. Außer den eisigen Fingern habe ich keine Wehwehchen zu beklagen und so kann ich im letzten Anstieg nochmal Richtig Gas geben.
Die erste Hälfte spielt sich in moderat steilem Gelände ab und ich muss nach einigen Überholmanövern in den sauren Apfel beißen und Handschuhe wechseln, da ich sonst wirklich noch Probleme bekommen könnte.
Dies kostet mich zwar Zeit, gibt aber nach einigen weiteren Ruderattacken langsam das lange ersehnte Wärmegefühl zurück und schiebt mich auch mental nochmal heftig an. Nach gut der Hälfte des letzten Anstiegs kommt es nun zur mir als „heikel“ beschrieben Fellabfahrt, welche durch eine gut präparierte Piste jedoch gut zu meistern ist und aus der ich ohne befürchteten Sturz herauskomme und den wirklich allerletzten, sehr flachen, ziemlich langen und mit einem kleinen Schlusssteilstück versehenen Anstieg in Angriff nehmen kann.
Ich spiele meine nicht vorhanden Gleiter-Skills voll aus und fange an, in eine Art Laufschritt zu verfallen. Auf den letzten ca. zwei Kilometern mache ich gut zehn Plätze gut und mir wird klar, dass ich wohl einige Körner mit nach Hause nehmen werde.
Aber scheißegal, ich sehe die finale Kuppe vor mir und bin schon auch erleichtert endlich die finale Abfahrt, zurück nach Saalbach in Angriff zu nehmen, um die Zieleinfahrt so richtig zu genießen.
Nach einer etwas schwierigen Wegfindung, da keiner in Sichtweite vor mir fährt, taste ich mich im dichten Schneegestöber zaghaft vorwärts, um nicht auf die letzten Metern noch einen meiner klassischen Verhaspler hinzulegen.
Ich verkrampfe wieder etwas, aber in nicht all zu weiter ferne, kann ich bereits helles Licht und Lärm wahrnehmen.
Das Herz beginnt heftig zu pochen und da taucht das hell erleuchtete Dorf plötzlich vor mir auf und ich befinde mich wie im Teleporter gebeamt, plötzlich in einer engen Dorfgasse und rausche auf die Zielfahnen zu, wo eine tobende Menge die ankommenden Sportler herzlich in Empfang nimmt.

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Ich habe ein ziemlich eingefrorenes Grinsen im Gesicht, als ich endlich den Helm abnehme und mich ins warme Finisher-Zelt begebe um die Startnummer und den Chip abzugeben und etwas warmes zu trinken.
Ich genieße noch etwas die Atmosphäre und versuche den ein oder anderen Skimo-Hero zu erblicken, jedoch sind die bereits mit Sektdusche durch und wohl in trockenen Klamotten.
Apropos trockene Klamotten – ich verzieh mich schnell ins Parkhaus um dort in aller Abgeschiedenheit und bei ca. Minus 10 Grad einen Striptease hinzulegen und in trockene Kleidung zu schlüpfen. Daunenjacke drüber und ab zur erneuten Pasta-Party.

Ich belohne mich mit zwei weiteren Tellern Nudeln mit Hackfleischsoße und genehmige mir bei nettem Plausch mit Gleichgesinnten noch ein zwei alkoholfreie Weizen.
Ein zutiefst befriedigtes Gefühl macht sich breit und anstatt jetzt in die Hektik und den Stress des Zimmersuchens zu verfallen, beschließe ich um 21:00 Uhr noch die Rückreise anzutreten um nach einer geschmeidigen Horrorfahrt im Schneetreiben um 2:30 gesund und glücklich zurück im Woid aufzuschlagen.
Wer weiß, eventuell gibt’s ja am selben Tag noch ein kleines Event, an dem man Teilnehmen könnte…

Fazit: Tolle und absolut vorbildlich durchorganisierte Veranstaltung mit vielen Wahnsinnigen und die Möglichkeit mit den Topstars der Szene an der Startlinie zu stehen.
Ich will nicht vermessen klingen, aber mit Streckenkenntnis und Harscheisen am Schattberg, könnte die sub 3:00h wohl drin sein. Dies gilt es dann nächstes Jahr unter Beweis zu stellen. In dem Sinne immer geschmeidig bleiben und ein Ziel vor Augen haben.

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