Arberland Ultratrail 2016

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Nachdem ich letzte Woche den lange ersehnten Heim-Berglauf „Da Kine vom Kaitersberg“ etwas in den Sand gesetzt hatte und die doch eigentlich recht passable Form irgendwie nicht umsetzen konnte, war ich etwas gefrustet und konnte und wollte die Saison so nicht ausklingen lassen.

In näherer Umgebung gab es da ja noch den Arberland-Ultratrail, mit dem ich ja eh schon länger geliebäugelt habe, jedoch sprachen meine mickrigen Kilometerumfänge nicht gerade dafür, sich auf 60km und 2600hm nochmals zu Beweisen.
Aber egal am Tag zuvor noch mit Ludwig Wenzel und Stefanie Felgenhauer vom Orga-Team Kontakt aufgenommen und prompt noch einen Startplatz übernehmen können.

Mental sollte der Wettkampf einfach ein Genusslauf werden. Ich musste ja in erster Linie überhaupt mal sehen, ob ich die Strecke überhaupt packe. Somit waren irgendwelche Ambitionen sowieso fehl am Platz und das machte mich frei im Kopf und ich konnte ohne Druck und völlig entspannt um 7:00 Uhr am Samstag an den Start gehen.

Bei herrlichem Wetter mit kühlen Temperaturen stehe ich also im Startblock und warte nach dem obligatorischen Begrüßen der üblichen Verdächtigen auf den Startschuss.
Punkt 7:00Uhr geht’s los und die Läuferschar wird von einer Autoeskorte durch Bodenmais geleitet um langsam den ersten Anstieg Richtung Silberberg in Angriff zu nehmen.
Ich fühle mich prächtig und das Einatmen der kühlen frischen Luft ist im Gegensatz zur bedrückenden Schwüle am letzten Wochenende eine reine Wohltat.
Ich reihe mich also so um den 5. Platz ein und gehe es wie geplant moderat an.

Die ersten Anstiege fühlen sich die Beine noch etwas schwer an, zu den fehlenden Umfängen habe ich die Woche auch noch ganz normal trainiert und mich keineswegs geschont oder gar getapert. Ich bin aber guter Dinge, da ich den mir noch unbekannten ersten Teil der Strecke genießen kann und sich einfach ein Zufriedenes Gefühl breit macht.
Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug und plötzlich stehe ich mit einem Kollegen an einer Kreuzung ohne Markierung und keiner weiß wohin des Weges. Einige Zeit später kommen aus einer Richtung die Führenden Läufer zurück zur Kreuzung, da sie anscheinend auch ohne Plan rumgeirrt sind. Nach einem Telefonat und etwas Spurensuche können wir den Richtigen Weg einschlagen und so geht es nach einer „Neutralisierungsphase“ weiter im Programm.

An der ersten Verpflegungsstelle fülle ich in Ruhe auf und lasse die Anderen ziehen. Von hier an laufe ich fast 15km alleine und ich finde meinen Rhythmus. Sogar in meiner „Spezialdisziplin“ dem Downhill läuft es heute etwas runder. Seit einiger Zeit geht mir dort nämlich eine Aussage von Scott Jurek nicht mehr aus den Kopf: „gravity ain’t got no bad days“.
Überhaupt habe ich meine Renntaktik auf den Prüfstand gestellt und beschlossen, dass man ein Rennen über so lange Zeit nicht gewinnen kann, indem man Verpflegungsstellen auslässt oder in Hektik verfällt und überhastet etwas runterschlingt, um dann gestresst weiterzuhetzen.
Ich zwinge mich sehr steile Passagen zu gehen, auch wenn ich sie laufen könnte – es bringt einfach nichts Energie für einen kraftvollen Abdruck zu vergeuden, der nicht in Vortrieb umgewandelt wird.
Jeden Kilometer wird gelacht, egal was andere von mir denken. Selbst wenn es mir gerade beschissen geht, bringt mich das auf andere Gedanken und stößt Glückshormone aus – is so 😉
Entgegenkommende Wanderer, Läufer was auch immer werden penetrant gegrüßt und ebenfalls angelächelt – hebt die Laune und freut den Gegenüber zu 90%.

So weiter im Programm.
Ich komme nach etwas Alleingang also nach fast 25km bei Joska-Kristall an der großen Verpflegung an und plündere erst mal, wie selbst verordnet, die Köstlichkeiten. Max Hochholzer ist zu meiner Überraschung auch an dieser VP zu Gange und füllt mir netterweise meine Flaschen auf und gibt mir ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg.
Da dieser Punkt auch ein Staffelwechsel ist, kommen nun neue und frische Läufer hinzu. Beim Anstieg zum Hochfall bemerke ich Steffi hinter mir, die lauthals mit entgegenkommenden und von mir bereits pflichtbewusst angelächelten Passanten krakeelt. Es dauert nicht lange und Sie schließt zu mir auf und wir können ein gutes Stück bis zum Hüttelschachten bei etwa km 32 zusammen laufen. Zwischendurch haben wir Daniel überholt, der leider mit starken Krämpfen zu kämpfen hatte und dem ich mit ein wenig Salz aushelfen konnte.

Am Hüttelschachten galt es wieder in Ruhe zu trinken und den genialen Kuchen zu plündern, um dann in aller Ruhe mit einem Gel bewaffnet wieder Richtung kleiner und großer Arber anzutraben.
Diesen Teil der Strecke kann ich mittlerweile glaube ich blind laufen, was ein Mitstreiter auf der 35km-Strecke tatsächlich gemacht hat. Absolute Hochachtung vor solch einer Leistung.

Ich nehme also erst den kleinen Arber in Angriff, welchen ich brav zügig gehend bewältige um dann auf der anderen Seite möglichst geschmeidig wieder runter zu rollen.
Am „Schutzhaus“ vorbei um dann von hinten die Treppenstufen zum großen Arbergipfel zu meistern. Kurz vorher kommt mir Wolfgang noch mit dem MTB entgegen und versorgt mich mit Abständen zur Spitze und will mir weiß machen, dass ich noch gut aussehe. Netter Versuch.

Auf dem Weg zum großen Arber kündigen sich die ersten kurzen Krämpfe an, welche ich aber mit etwas Schrittwechsel wieder wegbekomme. Trotzdem wird es jetzt auch für mich wieder Zeit etwas Salz zuzuführen. Der Arbergipfel ging also gut weg und so kam ich unterhalb der anderen Gipfelseite zur nächsten großen Verpflegungsstation. Frenetischer Applaus von bekannten Sonnenanbetern (Merci Matthias mit Freundin) und gute Laune bei Cola, Kuchen und Käse.
Vor mir ist ein unbekannter Läufer, den ich frage ob er die Staffel läuft, oder ob ich ihn überholen müsse. Darauf antwortet er in etwas nordisch akzentuiertem Deutsch, dass er die ganze Strecke läuft und ich Ihn nicht überholen solle.
Eigentlich dachte ich ich sei zu dem Zeitpunkt an Platz 4, anscheinend haben aber alle diesen zähen, finnischen Downhillkünstler übersehen, welcher sich, nachdem ich fertig gegessen habe gleich auf macht um der Schwerkraft zu trotzen und mir in einem unglaublichen Tempo hinab zum Arbersee davon zu rauschen.
Da ich Ihn im Downhill sowieso nicht kriege, konzentriere ich mich erst einmal darauf, mich in dem sehr verblockten und verwurzelten Terrain nicht lang zu machen und sehne den Arbersee herbei, wo meine Familie mit Salzkartoffeln und gutem Zuspruch auf mich wartet.
Ich genieße die Abwechslung in Sachen Kohlenhydrate und lasse mir bei einem weiteren Becher Cola die Abstände zukommen. Ein kurzer Plausch mit der Familie, die herrliche Stimmung am sonnengetränkten See einfangen und den fast letzten Anstieg zum Mittagsplatzl in Angriff nehmen.

Mir geht es den Umständen – das heißt gut 40km und knapp 2000hm in den Beinen – entsprechend gut und so kann ich in langsamen Trab den gesamten Anstieg durchlaufen. Es dauert nicht lange, bis ich meinen finnischen Downhill-Kammikaze in Sichtweite bekomme und sehe, dass er geht und immer wieder versucht anzutraben. Ich komme also langsam an Aapo heran und versuche Ihn nochmal anzupeitschen damit er mitzieht. Kurz folgt er mir, lässt aber dann abreißen und so muss ich wieder alleine, auf der nun etwas eintönigen und mit einem gemeinen, weil mit geringer Steigung versehenem Stück Schotterautobahn, weiter.
Ohne groß nachzudenken laufe ich auf Autopilot und beschäftige mich damit, gleichmäßig und tief in den Bauch zu atmen um der Monotonie des Streckenabschnitts zu entgehen. Als ich vor mir einen weiteren Läufer sehe, der sich gehend den Schotter hinauf quält, bin ich jedoch sofort hellwach.
Einmal kurz bei Adam Riese angeklopft und mir ist schlagartig bewusst, dass ich, wenn ich den Salomon-Athleten hier hinter mir lassen kann, auf Platz 3 der Gesamtwertung liegen müsste und das wäre ja wohl mal der Oberhammer.
Ich laufe zu Ihm auf und rufe Ihm ein „Auf geht’s“ zu. Er fragt mich, ob ich Staffelläufer sei, was ich wiederum verneinen muss. Das hat Ihm mental dann anscheinend nicht wirklich weitergeholfen und so habe ich auch mit Ihm an diesem Tag keinen Weggefährten gewinnen können.

Man könnte meinen ich befände mich nun wiederum in einem mentalen Hoch und könnte locker drauf loslaufen – doch dieses Hoch hält genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem man realisiert, dass man nun zum Gejagten geworden ist.
Ich wusste von nun an nicht, ob die beiden Überholten kaputt waren oder ob sie sich einfach zu einem erneuten Aufbäumen sammelten.
Also musste ich anfangen zu pushen und die Lockerheit beiseite legen. Bis hier ging es eigentlich um nichts, doch nun einen 3. Gesamtplatz inne zu haben, lässt einen dann doch etwas kämpferischer an die Sache herangehen.

Trotz neuem Kampfeswillen wird auch an der Auerhahnstraße anständig und ruhig verpflegt und aufgefüllt um die letzten Höhenmeter zum Mittagsplatzl anzugehen.
Ein kurzer Fototermin mit Herrn Felgenhauer (vielen Dank für die tollen Fotos)

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und schließlich zum Mittagsplatzl. Doch diesmal keine Zeit die tolle Aussicht, runter zum See und dem Rest des wundervollen Arbergebiets zu genießen. Also weiter im Programm und nach der etwas langwierigen Mittagsplatzl-Runde zurück zur Verpflegungsstation. Da mir hier nach kurzer Anfrage keiner den Abstand nach hinten sagen kann, gilt es weiter Gas zu geben und im nun folgenden Downhill nur nicht auf die Bremse zu treten.
Es rollt weiterhin, wenn nun auch langsam die Kräfte gehörig flöten gehen und mir kleine Krampfanfälle immer wieder einen kleinen Schrecken versetzen, ist es im Gegensatz zu den Qualen beim UTLW fast ein Leichtes das Tempo einigermaßen hoch zu halten und die Zuckungen zu kontrollieren.
Ein weiteres Kilometerlächeln später geht es schon den letzten Schotter-Downhill hinunter und rechts weg zu den Rißlochfällen. Immer wieder der paranoide Blick über die Schulter, habe ich da Schritte gehört, wird da jemand hinter mir angefeuert? Noch einmal versuchen das Tempo zu forcieren und insgeheim hoffen, dass es bei den Rißlochfällen nur beim Trainingslauf zur verdammten Schweikelruh rauf ging und dieses fiese Stück bergauf niemals den Weg in den Recall gefunden hat.

Auf der Holzbrücke, die mit freundlichen Wanderern bestückt ist, die alle mein lautestes „Servas“ zu hören bekommen, sehe ich das Verderben in Form von orangefarbenen Flatterbändern den Weg zum Schmerz hinauf deuten.
Naja hilft ja nix, da muas i dann wohl a no affe!!!
Dieser letzte Anstieg „läuft“ dann ganz unter der Devise: „lieber gut gegangen als schlecht gelaufen“. Es zieht sich etwas, doch ich weiß auch, dass der folgende letzte Downhill mit knapp 5km Länge auf Schotter und Teer kein Zuckerschlecken werden. Also bis zum Scheitel der verdammten Schweikelruh gehen um ein paar Körner für das folgende Martyrium zu sparen.

Ich kann es schlecht in Worte fassen, was einem durch den Kopf geht, wenn man das 55er Schild bei einem 60km-Lauf sieht. Aber es hat schon was erhabenes, was einen kurzzeitig den Schmerz vergessen lässt, welcher den Körper jeden Schritt durchfährt, wenn man sich als Gejagter glaubt und mit deiner 3:40er Pace den Berg runtereiert.
Ich kann noch grob überschlagen, dass es bei dem Tempo keine 20 Minuten mehr zur Erlösung sind und so weicht das Kilometergrinsen langsam einem Dauergrinsen.
Beim Klausenparkplatz angekommen, wo ich den Günther Gierl stehen sehe und Ihn frage, ob er hinter mir jemanden sehen kann, dieser das verneint, bin ich mir zum ersten Mal sicher, dass ich mich jetzt auf die Fresse legen müsste um den 3. Platz nochmal herzugeben.

So bleiben nur noch ein paar Meter bergab und schon geht es im Flachen über die Hauptstraße und rauf aufs lang ersehnte Kopfsteinpflaster, rüber zum Marktplatz, wo ich mein Glück kaum fassen kann und einfach nur geflasht bin von den Zuschauern und der grandiosen Stimmung im Ziel, wo die Familie erst einmal von oben bis unten mit Schweiß eingesaut und der Rest der Bande abgeklatscht wird.

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So sollte es eigentlich immer sein: Rausgehen, Laufen, Spaß haben und Abklatschen!!!
Ein Riesen Dankeschön an das gesamte Team des Arberland Ultratrails für diesen unvergesslichen Tag, speziell Danke an Ludwig Wenzel für den netten Austausch seit dem Trainingslauf und das Melden zusammen mit Stefanie Felgenhauer.

Die tollen Leute an der Stecke die uns Läufer angefeuert und durch tiefe Täler und gewaltige Höhen begleitet haben.

Last but not least Danke an eine spezielle Truppe phantastischer Menschen, die ich durch den Laufsport erst richtig kennenlernen durfte, es war mir ein Fest.

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2 Kommentare

  1. Herzlichen Glückwunsch zum 3. Platz. Danke für den tollen Bericht. Vieles kann ich nur so übernehmen: Lächeln. Grüßen. In Ruhe verpflegen. Und für mich als Anfängerin ist es beruhigend zu lesen, dass auch Ultras nach der Devise handeln „lieber gut gegangen als schlecht gelaufen“. Schöne off-season.

    • Vielen lieben Dank fanie. Diese Ruhe versuche ich auch erst so richtig zu verinnerlichen, es kann einfach so vieles passieren auf langen Distanzen, dass diese hektischen Sekunden garnicht ins Gewicht fallen.
      Ich wünsche Dir viel Spass und Erfolg bei deinen weiteren Vorhaben.

      lg Jochen

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